Meine Arbeit hab' ich für mich.

David Schreyer im Gespräch mit Heinz Tesar. Eine Unterhaltung über Baukultur, Ärger und Architekturbild. 10.08.2011;

Wo liegen die Qualitäten Ihrer Arbeit?
Schlicht und einfach: ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich genau, nämlich dass jeder der mit etwas konfrontiert wird, dieses anders empfindet. Was der eine richtig und gut findet, ist für den anderen nichts. Das heisst auch, dass alles was der Architekt baut, immer positiv und negativ bewertet wird. Bedeutungsdichte ist eine Qualität in der Architektur.

Ist Ihnen, in diesem Sinn, Kritik aus der Kollegenschaft wichtig?
Natürlich. Die interessiert mich sehr. Kritik hat ihren Wert, aber sie wird meine Haltung nicht wesentlich verändern.. Manchmal werden Detailpunkte kritisiert, da antworte ich scherzhaft, dass ich nicht so sensibel bin. Architektur ist etwas sehr Massives, Sensibilität allein ist da zu wenig. Um zu bauen, sind Klarheit und Präzision erforderlich. Der kritische Diskurs ist Garant für Qualität.

Wird man als Architekt, als Mensch, im Laufe der Jahre härter?
Man könnte sagen, dass man mit zunehmendem Alter milder wird, aber das stimmt nicht ganz. Im Werturteil wird man nicht milder. Manche Fragen hätte ich vor 20 Jahren bissiger oder freundlicher beantwortet. Es ist eine Tatsache, dass man sich entwickelt. Und nicht nur in seinem Fach, man hat ein Leben. Dabei ist es wichtig, dass man für sich selber strenge Regeln hat. Es geht nicht, dass man für sich selbst nicht weiß was man will.

Ärgern Sie sich oft?
Der Politiker sagt das, der Fachmann das, alle sagen einem etwas und keinem passt, was man tut. Dann wird man alleine gelassen in seinem Kabinett um seine Arbeit zu machen. Kann nur hoffen, dass diese dann jemandem zusagt. Das ist die heutige Wettbewerbssituation, sehr viele bemühen sich um eine Arbeit. Man kann es sich nicht leisten, sich ein Leben lang, jedes Mal wieder, zu Tode zu ärgern. Ich habe das unzählige Male erlebt. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass ich meine Arbeit für mich habe. Und wenn sie in die Wirklichkeit kommen kann, wunderbar. Und wenn nicht, dann muss das Projekt trotzdem so gut sein, dass ich dazu stehen kann. Mein Thema ist, dass ich im Laufe meines Lebens einen Werkblock produziere, der in sich stimmig ist.

Sehen sie, wie der ebenfalls in Tirol aufgewachsene Erbauer des Austrian Cultural Forum New York, Raimund Abraham, das Bauen als Einschränkung ihrer kreativen Arbeit?
Ich bin ein bisschen tiefer ins Bauen eingestiegen als er. Wir haben uns ja auch gekannt, nicht sehr gut zwar, aber doch. Und ich schätze auch seine Arbeit sehr. Ich habe aber aus dem Leben heraus schon eine ganz andere Grundkonfiguration gehabt als er. Ich habe von Anfang an schauen müssen, dass ich von der Arbeit leben kann, auch weil ich früh Familie hatte - und dann nicht alles zu machen, was heran kommt, dazu ist ein gewisses Bewusstsein nötig. Ich kenne mich im Bauen aus und trotzdem baue ich nicht alles. Das leiste ich mir, weil ich mich dann gesünder fühle. Ich mache etwas nur dann, wenn ich überzeugt bin, dass es Sinn macht. Und es gibt so viele  Bauten die absolut keinen Sinn machen, die so nur Geld-umwälzungsmaschinen sind. Das Bauen selbst sehe ich heute nicht als Einschränkung meiner kreativen Arbeit.

Welchen Einfluss hat die Globalisierung auf die Architektur?
1973 war die Ölkrise. Von da an hat sich die utopische Architektur verabschiedet, weil es nicht mehr möglich war, so zu bauen. Seit 2002 kenne ich die asiatischen Länder, habe Städte dort gesehen. Vor allem den Kontrast zwischen Spekulationsstädten und gewachsenen Städten. Dieser zeigt, dass Architektur als Spekulation  nicht erlaubt ist. Das klingt zwar blöd und natürlich kann ich das auch niemandem verbieten. Aber Architektur als Spekulationsobjekt führt zur Krise! Nur die Regeln von Geld und Spekulation sind kein Ausgangspunkt für das Bauen.

Bauen muss gesamtgesellschaftlich vernünftig und sinn-voll sein. Wenn man das erkennt, dann macht man aus einem Einfamilienhaus keinen Ferrari. Wozu? Einen Palast für ein Auto? Das ist zuwenig!

Globalisierung bedeutet für mich außerdem, mit offenen Augen zu sehen, wie viele Menschen auf der Welt sind. Ich habe das für mich mit dem Begriff ‚Siamo Milliardi‘ benannt. Ich glaube, dass dieses Bewusstsein tatsächlich der  Ausgangspunkt für eine angemessenere und möglichere Architekturauffassung und Kulturhaltung ist. Ich begrüße, dass wir so viel  über so viele Menschen wissen. Weil uns das bewusst macht, dass wir auf einer gewissen Ebene  nicht so unterschiedlich sind. Wir haben haben organisch gesehen die gleichen Rahmenbedingungen.

Gibt es heute noch so etwas wie eine Baukultur?
Ich hoffe, dass die nie ausstirbt und man kann nur daran arbeiten. Ich habe es mir abgewöhnt „schade“ zu sagen, über die Hässlichkeit jammere ich nicht. Weil ich bemerkt habe, dass das nichts bringt. Man kann nur das, was man selbst macht, besser machen. Und wenn einem das gelingt, dann hat man etwas beigetragen.

Ist es eine Frage der Bildung, dass viel Qualitätsloses gebaut wird?
Schlechte Architektur kommt einerseits aus Bildungsdefiziten. Ich gehe davon aus, dass ein Architekt und ein Bauherr umfassend gebildet sind, das muss sein. Was an den allgemeinbildenden Schulen fehlt, ist ein spezifischer Architekturunterricht. Dann kommt noch dazu, dass generell eine sehr materialistische und konsumistische Weltsicht herrscht. Hier vor meinem Büro kann ich jeden Tag woanders essen. Wenn das nur noch Essen und Straße ist, dann ist es auch nicht mehr besonders interessant. Das ist doch traurig, wenn man sich nur noch als den konsumierenden Aussuchenden erkennt.

Wie viel Einfluss hat der Bauherr auf die Entwicklung des Konzeptes?
Er hat schon Einfluss, natürlich. Nur seine Wünsche bringen aber auch nichts. Er muss eine Leitlinie bringen. Man muss als Architekt immer schauen, dass man das heraushört, was der Bauherr sich denkt, was er sagen will. Dann muss man sich überlegen wie, man das sagen würde. Und da hat der Bauherr auch einen Einfluss. Wenn man erfasst hat, was er will, dann kann man das auch machen. Der Bauherr hat selbstverständlich Einfluss auf die Entwicklung des Konzeptes, es wird ihm aber nie gelingen, mir zu sagen, was ich zu tun habe.

Wie intensiv setzen Sie sich mit dem Bauplatz auseinander?
Es kann nicht alles an jedem Ort stehen. Der Bauplatz prägt das Gebäude wesentlich. Ich glaube auch nicht an die Gebäude, die man wie Container dort oder da hinsetzt. Ich finde es aber durchaus interessant, dass eine gewisse Fremdartigkeit des Objektes da ist. Es ist nicht alles im Ort vorhanden. Man muss auch was dazu bringen, etwas das den Ort aufwertet, ihn interessant macht. Nur den Ort sprechen zu lassen, das ist zu wenig. Das Haus wird automatisch etwas mit dem Ort zu tun haben. Architektur ist kein Produkt. Ein Produkt ist ein auf höchste Wirkung abzielendes Stück, das seine Dinge absolut erfüllen muss. Ein Produkt erfüllt die Randbedingungen des Ortes grundsätzlich nicht. Es gibt diesen wesentlichen Unterschied zwischen Architektur und Bedarfsdeckung. Ich für mich unterscheide zwischen Bedarfsdeckung und Architektur. Gesellschaftspolitisch aber finde ich es nicht gut, wenn man das auseinander dividiert. Es soll alles ein kultureller Beitrag sein und nicht bloß auf die Banalität der Bedarfsdeckung reduziert werden.

Gibt es für Sie einen perfekten Bauplatz?
Es gibt viele perfekte Bauplätze.

Beflügelt Sie eine schwierige Aufgabe?
Je schwieriger, desto wichtiger. Ich habe mal jemanden gesagt, dass wenn er etwas ganz Schwieriges hat, er mich fragen soll. Mich interessiert nur das Schwierige, weil das die Gelegenheit ist, all den Klischees aus dem Weg zu gehen. Das erfordert dann etwas anderes, etwas das nicht so wie alles andere aussieht.

Welche Rolle spielt die Atmosphäre bei der Entwicklung ihrer Bauwerke?
Das ist mir sehr wichtig. Mein Ziel ist es, Atmosphäre zu schaffen. Wenn man den Raum betritt, soll man spüren, dass er eine gute Atmosphäre hat. Keine Klischee-Atmosphäre, keine gute Tiroler Stube oder ähnliches, sondern dass man aus den verschiedenen Komponenten etwas Gutes mischt. Da gehören Licht, Material, Geruch dazu.

Wenn sie ein Bauwerk entwickeln, entstehen da Bilder in Ihrem Kopf?
Das kann man so nicht sagen. Das Bode Museum hat mich 10 Jahre lang beschäftigt. Und das ist alles in meinen Notizbüchern drin. Seit 1960 mache ich das so, bis jetzt gibt es 170 solche kleine Bücher. Bei einem Projekt gibt es vielleicht 300 Skizzen, bei einem anderen nur zwei. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich nie aufhören wollte zu malen, und eben daher gibt es ungefähr 500 Aquarellzeichnungen. Die zeigen dann Pflastersteine in Jerusalem, einen Embryo, die Fassade der Stadtpolizei St. Gallen oder meine Reaktion auf die 9-11 Anschläge. Und deshalb kann man nicht davon reden, ob man etwas so oder so gemacht hat.

Tatsache ist, dass ich immer Notizbuch und Füllfeder bei mir habe. Und wenn mir wo etwas einfällt, dann mach ich sofort eine Notiz davon. Das kann dann eine Skizze oder etwas Geschriebenes sein. Die Sachen gehen vorbei und notiert man sie nicht, sind sie wieder weg. Auch weil wir so ablenkbar sind. Also sammle ich alle Ideen in meinen Notizbüchern. Man ist halt einfach auf Ideen angewiesen, woher die kommen lässt sich nicht steuern. Man kann viel arbeiten, aber das Hirn alleine, das ist zu wenig. Es muss einem schon irgendwie zufallen, man muss froh sein, dass man eine Idee hat. Wirklich. Oft ist das wirklich erstaunlich. Methode habe ich keine. Das soll auch kein Geheimnis sein. Selbstkritik aber, war mir immer sehr wichtig. Und so gibt es dann zu jedem Projekt Aquarelle, Skizzen, Vakuumreliefs, Notate, Pläne und Modelle. Und weil es so viele Ebenen gibt, ist es für mich nicht unmittelbar nötig, dass dann das Bauwerk auch noch dasteht. Das Bauwerk braucht die meiste Zeit, das meiste Geld, die meiste Mühe, den meisten Ärger.

Welche Rolle spielen Zeichnungen und Bilder in ihrer Arbeit?
Ich habe ein Werk in die Richtung. Ausgehend von den Eindrücken der etruskischen Grabmalereien, die ich als Jugendlicher sehen durfte, und die mich so fasziniert haben. Dann kommt die Sexualität, die Liebe, ja das ganze Leben, dazu. Und ich habe versucht das so festzustellen. Es ist so, dass ich am meisten Musiker, Maler und Bildhauer schätze. Das sind Menschen, die überhaupt nur noch das darstellen, alles andere wird dabei weniger wichtig. Wie viel der Architekt von diesen Werten in seine Arbeit hineinbringt, und nicht nur das Reale so wichtig nimmt, das ist schon eine Frage der Qualität. Der Architekt muss viel vom Unsichtbaren wissen, weil er nur dann etwas Fruchtbares schaffen kann. Wenn er sich nur dem Sichtbaren widmet, dann ist er der Dekorateur der Zeit.

Wenn Sie an eine Bauaufgabe herangehen, schränken Sie sich selbst ein?
Zuerst einmal nicht. Die Einschränkungen kommen dann von selber. Das ist auch der Grund warum ich freischaffender Architekt geworden bin. Ich möchte, dass mir jemand erzählt was er sich wünscht. Ich freue mich, dass ich das machen kann.

Spielt Ordnung, das Ordnen in ihrer Arbeit eine Rolle?
Ordnung heisst das Unfassbare nicht zu verlieren. Oder: Ordnung heisst die Bewusstseinsspaltung nicht zu verlieren. Wir arbeiten nicht aus der Ordnung heraus. Wir arbeiten aus einem Amalgam, auch nicht aus dem Bauch, heraus. Wir arbeiten aus einer Dichte von Gefühlen und Verstand heraus. Die Spannung nicht durch Ordnung zu verstören ist Ordnung. Der Architekt muss ordnen. Und er muss auch eine gewisse Begeisterung für das Ordnen haben. Balzac: Die Gleichgültigkeit tötet alles. Also ich glaube schon an die Ordnung. Ich weiß aber, dass die Kräfte nicht allein aus der Ordnung kommen.

Geht es Ihnen darum, flexible Räume zu entwickeln oder steht doch die Funktion im Vordergrund?
Ich bemühe mich, dass Räume Türe und Fenster an der richtigen Stelle haben. Zudem glaube ich, dass man jeden Raum spezifisch füllen kann. Mit der Einrichtung des Raumes muss man auf die Aufgabe eingehen. In 20 Jahren wird der Raum vielleicht ganz anders genützt, die Einrichtung muss dann möglicherweise entfernt werden. Ein Haus sollte man durchaus vielfältig nutzen können. Das beste Beispiel hier in Wien sind die Häuser aus der Gründerzeit. Die sind sehr gut für alles nutzbar. An die Philosophie des Architekten Hugo Häring, dass sich ein Haus, wie ein Organ, aus der Form der Leistungserfüllung heraus entwickeln solle, glaube ich nicht. Das bringt es nicht, weil das Leben immer irgendwie anders spielt als man denkt. Außerdem ist der Mensch in seinen Gewohnheiten sehr flexibel. Man hat die Flexibilität im Laufe der Zeit vielleicht verlernt, aber im Grunde ist man sehr anpassungsfähig. Der Raum muss also nicht auf irgendetwas zugeschnitten sein. Wichtig ist der Raum für sich. Genug Luftraum, ein ordentliches Licht, diese Sachen. Auch ob er ein Eingangs-, ein Durchgangs- oder ein Endraum ist, ist wesentlich.

Was bedeuten Ihnen Materialien?
Ich finde Materialien schon sehr wichtig. Aber die zu starke Oberflächendiskussion zeigt auch etwas unsere Hilflosigkeit in Sachen Kommunikation. Wenn man nur noch über das Äußere redet, das ist nicht gut. Ich baue sehr gerne mit Beton und Putz, sehr gern, das kann ich auch. Die Kirche in der Donaustadt hat diese Stahlplatten. Bei der Kirche ist das Material sehr wichtig. In Vorarlberg habe ich ein Badhaus entworfen. Da haben wir schon die Einreichpläne gehabt, alles in Sichtbeton. Plötzlich kam mir in den Sinn: das ist eigentlich ein Unsinn! Ein Badhaus, diese Holzbaracken, nie wäre jemand auf die Idee gekommen das in Beton zu machen. Höchsten die Füße. Kurz vor der Einreichung musste ich das der Bauherrschaft erklären. Schlussendlich haben wir das dann in Holz gebaut und nicht in Beton. Es passiert mir öfter, dass ich im Laufe des Prozesses merke, dass etwas so und nicht anders sein muss. Wenn ich das dann nicht umsetzten kann, dann leide ich darunter. Ich mag das Holz in angestrichener Form sehr gern. Und so haben wir das Badhaus in moderner Holztafelbauweise errichtet und weiß gestrichen. Das Schwimmbecken haben wir nicht mit Fliesen ausgekleidet, sondern mit schwarzen, basaltgrauen, Steinen. Das leuchtet natürlich wunderschön, ein Wasser mit schwarzem Rand. Das ist irrsinnig schön. Ich habe diese blauen Pools, die man auf den Luftaufnahmen sehen kann, immer gehasst. Und jetzt haben wir ein schönes schwarzes Becken dort, das allen Beteiligten gefällt. Das sind Kleinigkeiten, die nur entstehen können wenn man eine gewisse Distanz zu sich selber hat.

Ich bemühe mich bewusst darum, neue Materialien kennenzulernen, weil ich nicht immer in Beton und Putz bauen will. Ich wollte auch den Stahl und das Holz kennenlernen, damit arbeiten. Und, auch weil ich in meinen jungen Jahren in Hamburg gelebt habe, habe ich mir vorgenommen einen Klinkerbau zu machen. Ich bin mir bewusst: Material spricht enorm, es sagt wahnsinnig viel. Man darf es nur nicht falsch verwenden, das ist wichtig. Imitieren tue ich nicht. In der Mode ist das ja schon gang und gebe.

Haben Sie etwas gegen Dinge, die es oft gibt?
Nein. Ich versuche in meiner Architektur auch Elemente zu verwenden, die man kennt. Ich will einfach keine Klischees, wenn sich Sachen so festgefahren haben, dass alle sagen, dass etwas so richtig ist, und man ganz genau weiß, dass es eben nicht richtig ist. Ich mag keine Klischees und für mich, nur als Beispiel, ist das rote Ziegeldach ein Klischee.

Gibt es heute Bauaufgaben, die sie keinesfalls, und welche, die sie sehr gerne bewältigen würden?
Ich hätte einmal ein Gefängnis planen sollen. Da habe ich nein gesagt, weil ich nicht daran glaube, dass ein Gefängnis mehr oder weniger human sein kann. Ein Gefängnis ist ein Gefängnis. Und ich will nicht zu kleine Räume für Menschen planen. Ich möchte, dass sich Menschen in meinen Räumen locker bewegen können und das Gefühl haben, dass das hier eine gute Atmosphäre ist.

Einen Friedhof hingegen würde ich sehr gerne bauen. Weil ein Friedhof ein architektonisches Thema von enormer Qualität ist. Die Architektur an sich hat sehr viel mit dem Versteinern zu tun, was wir Architekten machen, das ist alles gegossene Materie. Und ein Friedhof fasst das alles zusammen, kann so Ausgangspunkt für spannende Bauten sein, die eben über das hinausweisen, dass wir nur essen, trinken und alles lustig finden auf dieser Welt. Es ist einfach nicht alles so lustig.

Wie würden Sie die Rolle des Architekten im 21. Jahrhundert beschreiben?
Ich glaube, dass der Architekt im 21. Jahrhundert, mehr denn je, ein allumfassend gebildeter Mensch sein muss. Er kann es sich nicht leisten, die Aufgaben, die an ihn herangetragen werden, kritiklos entgegenzunehmen. Er muss, weil er als Subjekt akzeptiert wird, als solches auch zu den Dingen stehen können, die er in die Welt setzt. Wenn er das tut, dann geht es auch gut weiter. Wenn der Architekt sich nur noch als Maschine sieht, als Einer, der irgendwelchen Wirkungskreisläufen gefügig folgt, braucht man ihn nicht mehr. Es liegt, meiner Meinung nach, an der nächsten Generation. Und ich glaube, dass man als junger Mensch einfach gut ist. Da ist man für und gegen etwas. Gepaart mit den Möglichkeiten, die man hat, bildet man sich. Und wenn man es sich nicht allzu leicht macht, dann ändert man auch etwas.

Glauben Sie, dass Architektur etwas verändern kann?
Ja, das glaube ich, nicht unbedingt im gesellschaftlichen Sinn, aber für den Einzelnen. Und das hat mit Mode nichts zu tun, sondern mit Atmosphäre. Architekten sollten halt nicht für einen Blödsinn etwas  Schönes bauen. Machen sie das trotzdem, dann darf man sie zu Recht kritisieren.

Der deutsche Architekt Erich Mendelsohn wurde in der Zwi-schenkriegszeit von seinen Kollegen oft dafür gescholten, dass er ‚Reklamearchitektur‘ ausführen würde.
Ich halte den Erich Mendelsohn für einen sehr guten Architekten. Ich finde auch, dass er gegenüber einem Corbusier weit unterschätzt wurde. Auch er war sehr vielseitig. Er hat Bauten entwickelt, die sehr massiv, sehr gut dastehen. Reklame zu machen war sicher nicht sein erstes Ziel. Aber, dass durch Architektur etwas zu einer Marke wird, für den Besitzer des Bauwerks, das ist sicher nichts Verwerfliches. Das ist völlig in Ordnung.

Wie schätzen Sie die Rolle der Fotografie in diesem Zusammenhang ein?
Ich finde, dass die Fotografie über den äußeren Glanz hinausgehen muss. Es ist eine Tatsache, dass man in jedem guten Bauwerk verschiedene Schichten findet. Wenn es dem Fotografen gelingt, nicht nur die oberflächlichen Werte abzubilden, sondern im Zuge seiner Arbeit die versteckteren Werte findet, dann wird er gute Fotos machen. Menschen oder keine Menschen, das ist dabei nicht die Frage. Wenn der Fotograf jedem Reinfaller auf den Leim geht, dann ist er halt ein Reinfaller-Fotograf. Wenn er aber versucht, die verschiedenen Figuren des Akrobaten zu finden, dann ist er ein guter Fotograf.

Häufig ist man mit Abbildungen von Räumen konfrontiert deren Verwendungszweck sich durch das Bild alleine nicht erschließt. Spannend oder mühsam?
Für mich ist durchaus beides gültig. Nur wenn etwas nur der Sensation wegen gemacht wurde, dann halte ich es für ungültig. Ich mag es, in Publikationen einen Raum zu finden, von dem man gar nicht weiß was er soll. Diese anonymen Schachteln mag ich eigentlich auch sehr gern, wo völlig egal ist was drin ist. Ein Container kann etwas Schönes sein. Ich kann dieser absoluten industriellen Leere etwas abgewinnen. Weil ich davon überzeugt bin, dass sich der Mensch an jedem Ort, der durch eine Wand, ein Dach, eine Tür und ein Fenster definiert ist, sehr gut einrichten kann. Er kann jede Atmosphäre um sich erzeugen, die er will. Ich mag schon gerne, wenn Räume nicht zu voll sind, aber das muss nicht sein. Es ist aber schon auch in Ordnung für mich zu sehen, dass da oder dort jemand so oder so wohnt. Bei der Dokumentation meiner eigenen Projekte kommt es mir darauf an, die Atmosphäre zu sehen. Der Mensch selbst ist da für mich nicht so wichtig.

Legen Sie wert darauf, dass ihre Bauten in einer Idealsituation fotografisch festgehalten werden?
Ich will schon, dass sie im Bild gut dastehen. Und ich habe von meinen Bauten auch Lieblingsfotos. Das inte-ressante bei Fotografen ist, dass es der eine so und der andere so fotografiert. Ich sehe die Bauten am liebsten so wie am liebsten Foto. Mit einem Fotoapparat kann man Geschichten erstellen, erzählen. Und die Bauten haben in sich ja alle auch eine Geschichte. Und das Foto, das dieser Geschichte am nächsten kommt, das wird einem dann auch gefallen. Das muss nicht etwas sein, das man sich gedacht hat. Es kann auch etwas sein, das man nicht gesehen hat, etwas, das man nicht angestrebt hat.

Es geht mir nicht darum, das Bauwerk am Foto so zu sehen, wie ich es immer gesehen habe. Es geht darum, dass, wenn ich das Foto sehe, ich mir denke, dass der Fotograf gut fotografieren kann. Das ist etwas das ich sehr schätze. Und ob ich das Foto gut finde, das ist sehr subjektiv. Es sind aber sicher nicht die Bilder, bei denen das Bauwerk im Sonnenlicht gleisst, wo alles schimmert. Wenn das Haus so wäre: Ja. Die Wesenseigenschaft des Hauses muss mit einem guten Foto ausgeprägt werden. Wenn es gelingt etwas ins Bild zu bringen, das über die Sache, das Haus hinaus zeigt dann ist es ein gutes Foto. Und das ist für das Haus dann auch gut. Es kommt darauf an, in welcher Situation der Fotograf da hin kommt, welche Sicht er generell im Leben hat.

Gibt es Projekte von Ihnen, die bereits verschwunden sind, beziehungsweise nicht mehr in Ihrem Sinne funktionieren?
Bisher steht, soweit ich weiß, noch alles. Man kann an Häusern gut ablesen, wie sehr der Bauherr dieses schätzt. Ich habe mich immer sehr lange mit Bauherrn unterhalten, mich mit ihren Vorstellungen auseinandergesetzt. Nicht um das dann wörtlich umzusetzen, nur um zu erfassen was sie sich eigentlich wünschen. Deshalb werden die Bauten auch ganz gut gepflegt. Es gibt aber schon immer wieder Dinge, die ich nicht umsetzen konnte. Das tut mir dann oft Leid, dass mir das nicht gelungen ist.

Gibt es Projekte an die Sie besonders gerne denken?
Was die Entwicklungsgeschichte angeht, gibt es mehr und weniger erfreuliche Projekt. Das hat aber nichts mit dem Ergebnis zu tun. Es kam schon vor, dass es mit Leuten, mit denen man zu tun hatte, ungut war. Trotzdem kann etwas Gutes dabei herausgekommen sein. Man muss das wirklich auseinander halten. Auch umgekehrt: Nur weil es mit jemandem nett war, muss das Ergebnis kein gutes Bauwerk sein. Die Bauten haben alle ihr Eigenleben.

Im Moment gibt es ein Projekt, das sehr angenehm läuft, auch wenn das oberflächlich klingen mag. Wir bauen gerade ein Generalat für 18 Klosterschwestern, eigentlich ein kleines Projekt. Die Schwestern sind sehr nett. Aber trotzdem wissen sie genau, was sie wollen. Und das ist sehr wichtig, dass der Bauherr weiß, was er will.

Architekten werden desto bessere Bauten machen, je besser ihr Bauherr ist. Und man muss darauf achten, dass man immer mit der gleichen Freude an die Arbeit geht. Das geht nicht, dass einem die Arbeit keine Freude macht. Man muss wissen, dass es eigentlich ein Glück ist, dass man eine Arbeit hat. Es ist toll, wenn man was tun kann.

Überlebt gute Architektur alles?
Das glaube ich schon. Architektur ist in sich Umstandsbestimmung des Ortes, der Zeit, der Art und Weise, des Grundes. Und wenn sie das ist und das über die Zeit hinaus Gültigkeit hat, dann ist das eine gute Architektur.

Herr Tesar – herzlichen Dank für das Gespräch! 

Info:
Das hier veröffentlichte Interview wurde für die Mole #6 geführt und in gekürzter Form in eben dieser publiziert.

Heinz Tesar und David Schreyer möchten über die Verwertung des Gespräches durch Dritte informiert werden. 

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Bild: Heinz Tesar und sein Werk — August 2011

Heinz Tesar wurde 1939 in Innsbruck geboren und wuchs in der Schaftenau, einem Ortsteil der Tiroler Gemeinde Langkampfen, auf. Zwischen 1961 und 1965 studierte Tesar in der Klasse von Professor Roland Rainer, an der Akademie der bildenden Künste Wien, Architektur und Städtebau. Seit 1973 betreibt er ein eigenes Atelier in Wien, seit 1980 lehrt er regelmäßig an verschiedenen Universitäten in Europa und Amerika. Zu den wichtigsten realisierten Bauten zählen der Umbau des Berliner Bode-Museum und das BTV Stadtforum Innsbruck. Im Juli 2011 wurde Heinz Tesar mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst‘ ausgezeichnet. 


Projekt von Heinz Tesar mit dem ich mich auseinandersetzen durfte: Lecture Hall — Maria Gugging, Austria;